Puh. Eine Woche Berlin und Konferenzen sind rum. Die NEXT 2012 war so ziemlich das exakte Gegenteil der re:publica. Obwohl sie in den selben Räumen stattfand, obwohl sogar zu großen Teilen dieselbe Technische Infrastruktur genutzt wurde, war das äußere nicht annähernd so schön. Die Halle der Station war einfach zugekleistert mit lieblosen Bühnenbau-Konstrukten, in denen sich Businessmenschen gegenseitig auf die Füße traten, und unzählige Startups auf winzigen Flächen verloren ihre schwer zu erfassenden Produkte in den Ring warfen.
Ebenso die Website: Sie war zwar hübsch, aber um einen sinnvollen Tagesablauf zu konstruieren, brauchte man das Programm-PDF mit den Titeln, die Speaker Porträts UND die Beschreibung der einzelnen Tracks.
Ein krasser Gegensatz zum Inhalt. Das Oberthema lautete “Postdigital”, persönlich habe ich das so interpretiert, dass Software in den Hintergrund tritt, dass es um die Interaktion zwischen Menschen, Dingen, Daten geht, ohne dass diese Interaktion eines technischen Bewusstseins bedarf. Ich sehe da auch auch einen Anknüpfungspunkt an Sascha Lobos Überraschungsvortrag auf der re:publica: Er hatte den Konferenzteilnehmern vorgeworfen digitale Nabelschau zu betreiben, dass die gesellschaftliche Relevanz des Webs für den Durchschnittsmenschen nicht klar wird. 30 Millionen Deutsche nutzen das Internet selten oder nie, bei den anderen 50 Millionen besteht die Nutzung oft nur aus Spiegel-Online und Banking. Als Widerspruch zu dieser Realität beschrieb er LiquidFeedback, die Diskussionsplattform der Piratenpartei, als von Nerds für Nerds gemacht und für Außenstehende schwer erfassbar. Die re:publica hat gewissermaßen einen veralteten Focus, da sie das Netz selbst und seine Utopien behandelt, anstatt die reale Nutzung. Ebenso LiquidFeedback: Das Konzept ist zwar ursprünglich vom Nutzer Volk her gedacht, das Tool jedoch als klassische Software mit undurchschaubarer Oberfläche ausgeführt.
Vermutlich wird sich die Zahl der tatsächlichen Nicht-Nutzer weiter reduzieren, doch zunehmend werden Anwendungen wie iTunes, Spotify, Car2Go oder MyTaxi nicht mehr als “Ins Internet gehen” wahrgenommen werden. Auch die Markt- und Sozailforschung unterliegt diesem Wahrnehmungsfehler häufig: Fragebögen und Erfassungstools konzentrieren sich meist auf Browser und e-Mail. Sie ignorieren damit sämtliche Nutzungsformen, die das Netz auf andere Weise verwenden.
Die Next sprang genau in diese Lücke, es ging oft um die alltägliche Nutzung und die damit verbundenen Veränderungen. Im Nachhinein wurde mir klar, dass Design und Usability mein Themenschwerpunkt waren. Wurde ja auch quasi durch meine Unzufriedenheit mit der Programm-Darstellung angedeutet.
Jetzt: Die die für mich (Malte) spannendsten Vorträge. Videos folgen, sobald die NEXT sie Online stellt.
Louisa Heinrich
Louisa Heinrich beschrieb wie man sich bei Fjord Design beim Anwendungsdesign auf den späteren Mehrwert konzentriert, und dabei vielleicht auch mal dem Auftraggeber den Kopf waschen muss. Für CitiBank entstand so eine Banking App, die Ausgaben aufschlüsselt und ein Feedback gibt, statt nur Zahlen auszuspucken: Durch Vergleiche mit Durchschnittswerten erhält man Informationen, wo man vielleicht noch ein wenig sparen könnte. Besonders ungewöhnlich für eine Bank: Auch Zahlen anderer Konten können einfließen, um wirklich alles im Blick zu halten. Um eine derartige App möglich zu machen, mussten laut Heinrich institutionelle und mentale Grenzen eingerissen werden. Und wie kommt man auf so eine Anwendung? Durch Fragen. Was fehlt den Kunden, was wollen sie - außer Überweisungen?
Lieblingsthese: “When you put people first, really great things can happen for business”.
Adrian Westaway
Einen ähnlichen Ansatz zeigte Adrian Westaway von Vitamins Design . Auf der Suche nach dem Perfekten Design für Senioren-Handys kam letztendlich ein Handbuch heraus. Wieso? Zunächst stellten sie fest, dass die klassischen “5 Nummern und ein Notfall-Knopf” Senioren-Handys nur ein entmündigendes Missverständnis sind. Im Umgang mit alten Menschen, durch Beobachtung wie sie ein Handy auspackten, und durch einige Workshops stellten Vitamins fest, dass Senioren eigentlich schon gerne Smartphones mit vielen Funktionen hätten, sie aber nicht erschliessen können. Die “alte” Umgehensweise mit Technik ist durch systematisches Lesen aller Beipackzettel geprägt, da “Intuitives” Design aufgrund eingeschränkter Möglichkeiten früher oft gar nicht möglich war. Auf moderne Geräte angewandt erzeugt dieser Ansatz jedoch nur Frust (vielleicht haben iPhones deshalb keine Bedienungsanleitung?). Vitamins Design haben Das Resultat ist ein Packaging, das den Nutzer gleichzeitig systematisch die intuitive Erkundung des Handys nachnavigieren lässt. Wie das geht, sieht man im Video
Lieblingsthese: “The Designer is the researcher.”
Alexander Bard
Welch krasse Revolutionen durch auf die Nutzung ausgerichtete Produkte entstehen, konnte man auch bei der Keynote von Alexander Bard erahnen. Der CD-Hasser grätschte einmal durch die Geschichte der Medien und ihrer Nutzung, vieles kam mir zwar aus diversen medientheoretischen Seminaren in der Uni bekannt vor, einige Thesen irritierten eher, aber die Wiederbelebung bekannter Themen und die Radikalität schärften den Blick für die anderen Vorträge.
Lieblingsthese: “Young people aren’t indidiviuals. They are dividuals.”
Dan O’Hara
Einer der abstraktesten, aber auch schönsten Vorträge kam von Dan O’Hara über Skeuomorphismen und Glitches. Skeuomorphismen sind funktionslose Überreste alter, funktionaler Designelemente. Bekanntestes Beispiel: Apples Leder-Imitat bei iCal und Adressbook. Glitches wiederum sind unbeabsichtigte Fehler, die durch eine Maschine produziert werden, zum Beispiel Pixel-Artefakte und Moiré-Effekte bei Grafiken. Beides irritiert zum Teil, lenkt die Aufmerksamkeit auf Nicht-Funktionen. Und wenn es beabsichtigt ist, verliert es einen Teil dieser Bedeutung. Das Problem: Gerät die ursprüngliche Bedeutung in Vergessenheit, machen Skeuomorphismen als Designelement keinen Sinn mehr. Das interessante: Skeuomorphismen und Glitches können neue Ideen generieren. So basiert die Schraube auf den spralförmigen Abnutzungsspuren, die eine Schnur auf einem steinzeitlichen Feuerzeug erzeugt. Die Themen haben Verbindungen zu Icon-Design (Wer kennt in zehn Jahren noch eine Floppy Disk?), Musik (Acid House und Rock sind Ergebnisse von technischen Fehlfunktionen). Eingebunden ist das ganze in die Diskussion um die sogennante “New Aesthetic”
Lieblingsthese: “Invention is the mother of necessity”.
David Bausola
Dan O’Hara hat auch an Weavrs mitgearbeitet, einem Projekt des StartUps Philter Phactory, das von David Bausola vorgestellt wurde. Weavrs sind eine Art virtuelle, automatische Persona, die sich selber weiterentwickelt, Spuren hinterlässt und and Hand von Interaktionen und Daten wächst. Klingt kompliziert? Ist es vermutlich auch, gleichzeitig ist es unfassbar simpel. Das spannende an Weavrs ist ihr Verhalten zu beobachten. Letztendlich nehmen sie durch ihre Daten Kontakt zur realen Welt auf, teilweise zu realen Nutzern. Laut Bausola verhalten sie sich dabei ein wenig wie Spiegel: Sie finden Kontakt zu den Umfeldern und Personen, auf denen sie beruhen.
Lieblingsthese: “You get back what you designed.”
AKQA
Die Keynote der AKQA-Gründer Ajaz Ahmed und James Hilton hat etwas gemischtes Feedback erhalten. Für einige eher Show, auch ich hatte das Gefühl dass es Haupsächlich um Werbung für ein neues Buch ging, und das meiste aus altem Wein in schöne Copys gegossen bestand. Innovation ist toll, schnelle Entscheidungen sind toll, Bloß nicht einrosten etc… Dazwischen bunte und laute Videos von AKQA-Projekten. Aber. Alter Wein ist manchmal guter Wein. Und vermutlich haben viele Leute, die in späteren Keynotes twitternde Pflanzen, Wifi-Teddys und wunderbar sinnlose Holzeulen mit Internetanschluss belächelt haben, die Verbindung nicht sehen wollen: AKQA haben nochmal an Nike+ erinnert. So ziemlich das erste Internet-of-Things Produkt.
Fazit: Don’t missunderestimate the Nerds. And the Marketers.









